Gewinnerin des Literaturwettbewerbs

Veröffentlicht am 21.12.2016

Helene Kratky wird von Burg­schau­spie­ler Cor­ne­lius Obonya der 1. Preis für ihren Text Hals über Kopf“ ver­lie­hen.


Texte. Preis für junge Lite­ra­tur“ ist eine inter­na­tio­nale Platt­form für Jugend­li­che von 14 bis 19 Jahren, die Freude und ein beson­de­res Inter­esse daran haben, sich mit der deut­schen Spra­che inten­siv aus­ein­an­der zu setzen, an einem Schreib­wett­be­werb teil­zu­neh­men, sich mit Gleich­ge­sinn­ten zu ver­net­zen und sich bei einem Schreib-Men­to­ring ein­zu­brin­gen.
Thema des dies­jäh­ri­gen Wett­be­werbs war Genug“. Rund vier­hun­dert Arbei­ten aus Öster­reich, Deutsch­land, der Schweiz und aus Süd­ti­rol wurden ein­ge­reicht. Im großen Gala­fi­nale am 15.12. 2016 in den ele­gan­ten Räumen des Kasi­nos am Schwar­zen­berg Platz lasen die Burg­schau­spie­le­rin­nen und –schau­spie­ler Doro­thee Har­tin­ger, Markus Meyer, Petra Morzé und Cor­ne­lius Obonya Aus­züge aus allen 27 Final­tex­ten.
Danach wurde die Sie­ge­rin des Wett­be­werbs bekannt­ge­ge­ben und der Preis (eine zwei­tä­gige Reise nach Zürich mit Besuch des Schau­spiel­hau­ses) über­reicht. Helene Kratky, die im Rahmen des Wahl­pflicht­fa­ches Deutsch an dem Wett­be­werb teil­ge­nom­men hat, über­zeugte mit ihrem Text Hals über Kopf“ die zehn­köp­fige Fach­jury.

Helene inmit­ten der Gewin­ner und Gewin­ne­rin­nen der ersten Plätze mit Orga­ni­sa­tor des Wett­be­werbs Chris­toph Braendle und Cor­ne­lius Obonya.

Wir gra­tu­lie­ren herz­lich!


Hals über Kopf

von Helene Kratky


Gehen. Immer nur gehen. Gehen kann ich gut. Viele können gehen, aber ich kann es besser. Ich gehe davon. Manch­mal gehe ich auch hin. Heute gehe ich davon. Weg. Weit weg. Am wei­tes­ten weg, so weit es über­haupt geht, so weit gehe ich dann. Irgend­wann bleibe ich stehen. Aber mein Kopf geht weiter. Ich sage ihm doch, dass er stehen blei­ben soll, aber er geht weiter. Er hört mich nicht. Ich muss ihn ein­ho­len. Laufen. Ich ver­su­che zu laufen. Ich kann es nicht. Ich bleibe stehen. Dann gehe ich. Ja, gehen, das kann ich.
Irgend­wann kann auch mein Kopf nicht mehr. Er ist müde. Ich bin müde. Gemein­sam legen wir uns hin. Ich möchte schla­fen. Mein Kopf möchte aber noch nicht schla­fen. Also schlafe ich nicht. Erst wenn er es erlaubt. End­lich. Jetzt ist er so weit. Fertig mit dem Denken, Phi­lo­so­phie­ren, Über­le­gen. Ich schlafe ein.
Ich wache auf. Ich wache meis­tens vor ihm auf. Das ist nicht gut. Auf­wa­chen ohne Kopf, das fühlt sich nicht rich­tig an. Wenn er auf­wacht geht es mir wieder gut. Dann kann ich mit ihm begin­nen. Gemein­sam schaf­fen wir alles, gemein­sam sind wir stark.
Gehen. Wir müssen viel gehen. Oft kann er es besser als ich, obwohl ich besser bin. Er ist mir dann voraus und ich kann ihn nicht mehr ein­ho­len. Mein Kopf will meist mehr als ich. Oft über­for­dert er mich. Wenn ich ihm ver­su­che das zu sagen, geht er davon. Ich pro­biere oft aus vor ihm davon zu gehen. Er ist immer schnel­ler. Jedes Mal.
Einmal konnte er mich nicht mehr ein­ho­len. Einmal war ich schnel­ler. Das wun­derte mich. Irgend­et­was war dann anders. Manch­mal wollte mein Kopf nicht mehr, obwohl ich noch wollte. Manch­mal konnte mein Kopf nicht mehr, obwohl ich noch konnte. Nicht ich gehorchte ihm, er gehorchte mir. Wir tausch­ten unsere Rollen. Ich musste ihn tragen. Er war so müde, dass er gar nicht mehr gehen konnte. Mein Kopf war schwer, zu schwer. Ich konnte ihn nicht weit tragen. Immer nur ganz kurz. Mit vielen Pausen.
Gehen. Das Gehen gefiel mir ohne meinen Kopf nicht mehr. Ich ver­misste den Wett­lauf. Ich ver­misste die Stärke. Ich ver­misste den Taten­drang. Ich ver­misste meinen Kopf, obwohl er noch da war. Ich fragte ihn auch, was den los sei. Er war zu müde, um etwas zu ant­wor­ten. Das machte mich trau­rig. Ich war einsam. Ich fühlte mich ver­las­sen. Dadurch fiel mir eini­ges schwe­rer. Das Gehen fiel mir am aller­schwers­ten.
Es wurde nicht besser. Es wurde immer schlim­mer. Mein Kopf war für vieles zu schwach. Alles musste ich alleine machen. Ich musste noch nie etwas alleine machen. Das war ich nicht gewohnt. Das konnte ich nicht. Das funk­tio­nierte nicht lange. Bald war ich schwach. Bald folgte ich meinem Kopf. Bald wurde ich müde.
Jetzt ist mein Kopf gar nicht mehr da. Ich habe ihn ver­lo­ren. Für immer.
Hals über Kopf, kopf­los.